Mit dem Wohnmobil kann schließlich jeder

Mit dem Wohnmobil kann schließlich jeder – Basti und Christina beim Carbage Run
Man kann in den Urlaub fliegen, Spanien, Türkei oder vielleicht auch Malediven! Natürlich könnte man auch, gerade seid Corona sehr beliebt, mit dem Wohnmobil in den Urlaub fahren. Mit Dusche, Kühlschrank, gemütlichem Bett und allem, was man unterwegs so braucht. Oder man macht es wie Basti und Christina aus Salwey: Man nimmt einen über 20 Jahre alten VW Bora mit rund 300.000 Kilometern auf der Uhr, wirft ein Ersatzrad und etwas Werkzeug hinein und fährt damit einfach mal quer durch den Balkan bis nach Albanien.
Klingt ein bisschen verrückt? Soll es auch sein.
Denn genau darum geht es beim Carbage Run. Hier stehen nicht Komfort und Erholung im Vordergrund, sondern alte Autos, außergewöhnliche Strecken, verrückte Aufgaben und vor allem jede Menge Spaß und Gemeinschaft.
Die Voraussetzungen für das rollende Abenteuer sind überschaubar: Das Auto muss mindestens 20 Jahre alt sein und darf höchstens 1.000 Euro wert sein. Und wenn es dann noch möglichst originell und verrückt gestaltet ist, passt es perfekt ins Teilnehmerfeld.
Basti und Christina sind mit ihrem Team „Urlaub auf Bora Bora“ inzwischen alte Hasen. Ihr VW Bora, Baujahr 2002, wurde von Tour zu Tour immer weiter verschönert und nach eigenen Ideen gestaltet. Auf den Carbage Run aufmerksam geworden sind die beiden durch Freunde. 2022 ging es zum ersten Mal Richtung Montenegro, 2024 folgten England und Wales und in diesem Jahr stand Albanien auf dem Reiseplan.
Rund 570 Teams gingen diesmal an den Start. Für Basti, Christina und ihren Bora bedeutete das etwa 2.500 Kilometer Abenteuer. Gestartet wurde in Österreich, anschließend führte die Strecke durch Slowenien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina und Montenegro bis nach Albanien. Von dort ging es schließlich wieder zurück zum Ziel nach Kroatien.
Normalerweise reisen die Teams samstags an, am Sonntag geht es los. Donnerstag wird das Ziel erreicht und freitags beginnt die Heimreise. Dazwischen liegen einige Tage, bei denen morgens niemand so ganz genau weiß, wo er abends landen wird – und genau das macht einen Teil des Reizes aus.
Jeden Morgen erhalten die Teilnehmer verschiedene Routen, aus denen sie auswählen können. Statt einfach eine Adresse ins Navi einzugeben, gibt es die Wegbeschreibung in Stichpunkten. „In 300 Metern links“ – und weiter geht’s.
Basti übernimmt meistens das Steuer, Christina kümmert sich lieber um die Navigation. Wobei auch die beste Aufgabenverteilung nicht davor schützt, irgendwann einfach dem Vordermann hinterherzufahren. Blöd nur, wenn der eine andere Route gewählt hat.
Treffen unterwegs mehrere Strecken aufeinander, kann es entsprechend lustig werden. Plötzlich fahren überall bunt gestaltete alte Autos herum und jeder fragt sich, ob er selbst eigentlich noch richtig ist. Und wenn keiner mehr so genau weiß, wo es langgeht, ist das auch kein großes Drama. Sich zu verfahren gehört beim Carbage Run einfach dazu.
Neben der Strecke warten jeden Tag verschiedene freiwillige Aufgaben auf die Teilnehmer. Wer Lust darauf hat, macht mit und sammelt Punkte. Basti und Christina sehen das allerdings ziemlich entspannt. Sie wollen nicht um jeden Preis gewinnen. Wenn eine Aufgabe Spaß macht, wird sie eben ausprobiert.
Eine davon sorgte diesmal für eine besonders schöne Geschichte. Die Aufgabe lautete, für maximal zehn Euro einzukaufen und dabei einen möglichst langen Kassenbon zu produzieren.
Also ab in den Supermarkt.
Als die Kassiererin und die anderen Kunden mitbekamen, was Basti und Christina dort eigentlich veranstalteten, entwickelte die Sache plötzlich eine gewisse Eigendynamik. Die Leute suchten mit, brachten noch günstigere Artikel zur Kasse und versuchten gemeinsam, den Bon immer weiter in die Länge zu ziehen. Dass dadurch alles ein wenig länger dauerte, störte niemanden. Statt genervter Blicke gab es Unterstützung und jede Menge Spaß an der Aktion.
Am Ende war der Kassenbon von „Urlaub auf Bora Bora“ 48,3 Zentimeter lang. Das reichte immerhin für Platz zehn bei dieser Aufgabe. Der längste Bon brachte es allerdings auf unglaubliche mehr als vier Meter.
Wie man für höchstens zehn Euro einen vier Meter langen Kassenzettel produziert, bleibt wohl eines der Geheimnisse des Carbage Runs.
Solche Begegnungen sind für Basti und Christina mindestens genauso wichtig wie die eigentliche Rallye. Immer wieder erleben sie, wie freundlich und hilfsbereit die Menschen in den verschiedenen Ländern reagieren. Sobald die Einheimischen verstehen, was die vielen verrückten Autos dort eigentlich machen, wird mitgelacht, mitgedacht und bei den Aufgaben geholfen.
Überhaupt haben die Reisen den beiden einen ganz anderen Blick auf einige Länder gegeben. Besonders Slowenien, Bosnien und Montenegro haben sie landschaftlich beeindruckt. Schon bei ihrer ersten Tour waren sie überrascht, wie schön diese Regionen sind.
Und während tagsüber gefahren, gesucht, ausprobiert und sich auch mal verfahren wird, beginnt am Abend ein ganz anderer Teil des Carbage Runs.
Der Veranstalter organisiert für die Teilnehmer Übernachtungsmöglichkeiten – wobei der Begriff „Campingplatz“ nicht immer ganz wörtlich genommen werden sollte. Oft reicht eine große Wiese, auf der sich nach und nach hunderte verrückte Autos versammeln.
Und dann wird es gemütlich.
Man läuft über den Platz, schaut sich die Fahrzeuge der anderen Teams an, kommt ins Gespräch und erzählt sich bei einem Bier die Geschichten des Tages. Es wird gegessen, gelacht, gefeiert und natürlich auch geschraubt. Denn bei Autos, die mindestens 20 Jahre alt sein müssen, gehört auch das irgendwie dazu.
Dabei ist man erstaunlich schnell mittendrin. Aus Fremden werden Bekanntschaften und wer häufiger beim Carbage Run startet, trifft immer wieder bekannte Gesichter. Manche Teilnehmer sind schon seit vielen Jahren dabei, einige sogar mehrfach im Jahr.
Genau diese Gemeinschaft begeistert Basti und Christina. Denn auch unterwegs ist man eigentlich nie wirklich alleine. Bleibt irgendwo ein Teilnehmer mit einer Panne liegen, dauert es meistens nicht lange, bis das nächste Carbage-Auto anhält und Hilfe anbietet.
Werkzeug haben schließlich fast alle dabei – und irgendeiner weiß meistens, wie man die alte Kiste wieder zum Laufen bekommt.
Der Bora von Basti und Christina hat sich bislang allerdings als erstaunlich zuverlässig erwiesen. Ein zusätzliches Ersatzrad ist zwar immer dabei, wurde aber zum Glück noch nie gebraucht. Lediglich nach einem Run machten sich die teilweise schlechten Straßen bemerkbar. Hinterachslager und Stoßdämpfer mussten anschließend erneuert werden.
Ansonsten macht der Bora einfach, was er soll: Er fährt.
Und er dient mittlerweile sogar als Unterkunft. Beim ersten Carbage Run schliefen Basti und Christina noch im Zelt. Ab der zweiten Tour wurde die Rückbank ausgebaut und kurzerhand der Bora zum Nachtlager erklärt.
Andere reisen mit Wohnmobil, Küche und Doppelbett an. Basti und Christina klappen die Autotür zu. Geht auch.
Und irgendwie passt genau das perfekt zu einer Veranstaltung, bei der es nicht darum geht, möglichst bequem von A nach B zu kommen.
Natürlich sind auch die anderen Fahrzeuge ein Erlebnis für sich. Manche werden komplett in Tiere verwandelt, andere folgen einem bestimmten Motto und bei einigen Teams ist selbst die Kleidung passend zum Auto gestaltet. Der Fantasie sind praktisch keine Grenzen gesetzt.
Am Ende wird sogar das kreativste Fahrzeug von allen Teilnehmern gewählt. Und weil man sich beim Carbage Run selbst nicht allzu ernst nimmt, gibt es noch eine weitere, etwas speziellere Auszeichnung: Jedes Team darf für das „unnötigste Luxusauto“ stimmen. Wer diese Wahl gewinnt, muss anschließend vor versammelter Mannschaft erklären, warum man es tatsächlich gewagt hat, mit so viel Luxus anzutreten.
Mit einem VW Bora von 2002 und rund 300.000 Kilometern auf der Uhr dürfte man sich bei dieser Abstimmung eher keine Sorgen machen müssen.
Am Ende der Reise wurden natürlich auch die Punkte zusammengezählt. Und obwohl Basti und Christina die Aufgaben eher locker angehen und für sie der Spaß deutlich wichtiger ist als eine Spitzenplatzierung, konnte sich das Ergebnis sehen lassen: Platz 29 von rund 570 Teams.
Eine Zahl, auf die man durchaus stolz sein kann. Aber wahrscheinlich sind es ohnehin ganz andere Dinge, die von diesen Touren hängen bleiben.
Die unglaublichen Landschaften. Die Menschen, die spontan bei irgendeiner verrückten Aufgabe helfen. Die Abende auf einer Wiese irgendwo weit weg von zu Hause. Ein kaltes Bier nach einem langen Tag. Die Autos, bei denen man sich fragt, wie sie überhaupt noch fahren. Die kleinen Pannen, das gemeinsame Schrauben und die Momente, in denen plötzlich keiner mehr weiß, ob man gerade eigentlich noch auf der richtigen Strecke unterwegs ist.
Und vor allem dieses Gefühl, dass aus rund 570 Teams unterwegs eine große Gemeinschaft wird.
Genau deshalb würden Basti und Christina jederzeit wieder mitfahren. Wann es so weit sein wird, steht noch nicht fest. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass „Urlaub auf Bora Bora“ schon im kommenden Jahr wieder unterwegs ist, scheint ziemlich groß zu sein.
Dann heißt es vermutlich wieder: Rückbank raus, Ersatzrad und Werkzeug einpacken, ein paar Bier für den Abend nicht vergessen – und los geht’s.
Wohin? Wird man sehen. Und falls man sich unterwegs verfährt, ist das auch nicht schlimm.
Denn mit dem Wohnmobil kann schließlich jeder.
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